Die Sprache klingen lassen

Am Bahnhof. Ein großer junger Mann mit ganz kurzen blonden Haaren, ein zierliches Mädchen mit langen dunklen Haaren und ein Junge im Poloshirt versuchen sich zu unterhalten. Jeder spricht eine andere Sprache. In dem Wirrwarr an Lauten hört man aus dem Polnisch des Blonden mit den strahlend blauen Augen das Wort "Nazi" heraus. "Was? Du nennst mich Nazi? Spinnst du oder was?", empört sich der dunkelhaarige Deutsche lautstark. "Ach, und du sei doch ruhig! Geh und ess' dein Baguette zu Hause!", fährt er die brünette Französin an, die dem polnischen Studenten auf Französisch zustimmt. Das Publikum lacht. Als die drei bemerken, dass sie denselben Zug nach Weimar suchen, klatschen alle.

Lachend verbeugen sie sich: der Deutsche Moritz Herzberg, der seit acht Jahren in Paris zu Hause ist, Claire Bedouelle aus Clermont-Ferrand und Grzegorz Wilga aus Polen. Dann begeben sie sich wieder auf ihre Plätze in dem großen Seminarraum der Jugendbildungs- und -begegnungsstätte. "Es war eigentlich sogar lustig", freut sich Grzegorz, der die in stundenlanger Diskussion ausgedachte Szene zuerst gar nicht aufführen wollte. Nun kommen die restlichen Teilnehmer des Workshops mit dem Schwerpunkt Kultur nach vorn und lesen Gedichte auf Polnisch, Französisch und Deutsch. "Man muss nicht alles verstehen, uns geht es darum, die Sprachen klingen zu lassen", erklärt Tagungsleiterin Eva-Maria Kabisch. Unterhaltungen finden auf Deutsch statt, doch das ist für die nahezu perfekt Deutsch sprechenden Franzosen und Polen kein Problem. "Ich liebe die deutsche Sprache!", sagt die einundzwanzigjährige Paulina Kedziora, die zusammen mit der zierlichen Ewelina Dobrzanska in Posen Deutsch studiert. "Wenn ein Deutscher spricht, kann man die grammatischen Regeln hören. Jedes Wort hat seinen eigenen Platz und alles ist ganz geordnet", schwärmen sie. Wenn man jedoch sage, dass man Deutsch studiert, werde man oft komisch angesehen. "Die meisten Polen mögen die deutsche Sprache nicht, sie finden sie hart und aggressiv und verbinden sie mit Kriegsfilmen", sagt Ewelina. Auch Moritz meint, dass viele Franzosen ihre Deutschkenntnisse aus Filmen haben. "Da schreien dann die französischen Schauspieler, die einen Offizier spielen, eben Befehle wie ,Schnell! Schnell!' oder ,Halt!' und das Publikum denkt, dass die Deutschen sich nur mit solchen Befehlen unterhalten", erklärt er leicht belustigt.

In der behaglichen kleinen Bibliothek der Villa lässt es sich gut über Vorurteile diskutieren, die immer noch zwischen den Nachbarländern bestehen. "Sprüche wie ,Kaum gestohlen, schon in Polen' oder ähnliches verletzen und entsprechen nicht der Wahrheit", entrüstet sich Ewelina. Dieses Vorurteil sei wohl genauso ungerechtfertigt wie die Aussage, alle Deutschen seien Nazis, auch wenn dies immer noch viele Franzosen und Polen glauben. "Vorurteile sind gerade bei benachbarten Ländern eine Aufwertung des eigenen Landes. Wenn man den Nachbarn schlecht macht, steht man selbst besser da", versucht Kabisch die Unterstellungen zu erklären. "Jedoch sind sie natürlich trotzdem keine Lösung."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Sprache klingen lassen
Autor
Verena Teuber
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2011, Nr. 273, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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