Aus dem Feld getorkelt

Viele Leute wissen gar nicht, welche Anstrengung in jeder Zeitung liegt", sagt Bernhard Hinrichs aus Friesoythe im nördlichen Oldenburger Münsterland. 2.30 Uhr klingelt sein Wecker. Schnell ist Hinrichs aufgestanden, zieht sich an und geht noch schläfrig in die Garage. Dort stehen schon aufgetürmt die Zeitungen. "Wenn man diesen Berg sieht, denkt man schon, das wird harte Arbeit, und so ist es dann auch", sagt der Vater von acht Kindern und streicht sich über seine schwarz-grauen Haare.

Er nimmt seine Zeitung von der Abladestelle und geht dabei die Veränderungen auf seiner Tour durch: Wer ist im Urlaub und bekommt keine Zeitung mehr? Oder gibt es neue Leser? Nordwest-Zeitung, Münsterländische Tageszeitung, die Süddeutsche Zeitung - Hinrichs hat die ganze Palette. "Auf meiner Tour sind so gut wie alle Tageszeitungen, die im Oldenburger Münsterland gelesen werden." Der sportliche 49-Jährige lädt die Zeitungen in sein Auto. Er fährt mit dem Pkw, da sein Zustellgebiet zu den weitläufigsten in Friesoythe gehört. "Ich fahre den ländlichen Teil der Stadt ab, wo die Landwirte wohnen, die Häuser liegen dort teilweise zwei bis drei Kilometer auseinander, mit dem Fahrrad ist das somit nicht zu schaffen." Er muss bei jedem Wetter hinaus, ganz gleich wie kalt es ist, ob es stark regnet oder schneit, ob es gewittert oder der Wind tobt. "Wenn der Kunde seine Zeitung nicht spätestens bis 6 Uhr morgens bekommt, darf er sich beschweren, egal was los ist."

Der Zeitungszusteller ist in seinem Gebiet angekommen. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Es ist dunkel, die Landstraßen sind schwer zu befahren und nicht beleuchtet. "Obwohl ich das jetzt fast sieben Jahre mache, bekomme ich es immer noch mit der Angst zu tun bei dieser Dunkelheit. Vorher war ich als Ausbeiner und Zerleger bei einer Fleischerei tätig, da hat man mit so etwas keine Probleme." Er hat nachts schon einiges erlebt: Betrunkene, die aus einem Feld torkelten, sogar einen Unfall, bei dem ein Wagen im Graben landete. "Einige Menschen begreifen gar nicht, was nachts in so abgelegenen Gebieten los ist." Aber auch für einen hartgesottenen Zusteller wie Bernhard Hinrichs drohen immer wieder Gefahren. So seien Hunde, der wohl größte Feind eines jeden Austrägers, nachts besonders aggressiv. "Wenn so ein knurrender und kläffender Hund vor einem steht, dann überlegt man sich schon, so schnell wie es geht wegzulaufen." Besonders der Ortsteil Mehrenkamp liegt so einsam, dass das Warten auf Hilfe sich lange hinziehen kann.

Der Friesoyther muss sich konzentrieren. Die Gefahr, eine Zeitung zu vergessen, ist hoch, dennoch ist ihm das noch nicht passiert. Wenn man sich umhört bei den Lesern, sind sie sehr froh, dass Hinrichs ihr Zusteller ist. "Er ist freundlich und immer pünktlich, sogar für uns Landwirte", sagt eine 50-jährige Bäuerin aus Mehrenkamp. Sie steht manchmal um halb vier Uhr auf, liest die Zeitung beim Frühstück und macht sich an die Arbeit.

Nach etwa einer Stunde neigt sich die Tour des Zustellers dem Ende zu. In seinem Gesicht sieht man Erleichterung. "Heute ist zum Glück nichts Besonderes vorgefallen, gleich kann ich nach Hause fahren und mich wieder ins Bett legen." Außerdem arbeitet Hinrichs auch bei der Citipost Oldenburg als Zustellkoordinator für das Gebiet Friesoythe und Umgebung. "Da ich in einem dualen System arbeite, als Post- und Zeitungzusteller, endet mein Arbeitstag erst um 17 Uhr." Zu Hause angekommen, sieht der Austräger mit Stolz auf seine Arbeit. "Als Hauptbeschäftigung kann man das Austragen von Zeitungen vergessen, da springt trotz anstrengender Arbeit nicht viel dabei heraus." Müde legt er sich ins Bett, es ist mittlerweile 4.30 Uhr, um 9 Uhr geht es weiter.

Informationen zum Beitrag

Titel
Aus dem Feld getorkelt
Autor
Stefan Hinrichs
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2011, Nr. 291, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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