Freischütz für Touristen

Sie sitzen auch an diesem verregneten, grauen, durch und durch ungemütlichen Montagmittag auf der Straße und musizieren. Norbert und Alexandro sind etwa 30 Jahre alt, tragen dunkle Jacketts und helle Jeans und sind von Beruf Straßenmusikanten. "Nicht gerade der Traumjob, aber was soll man machen?", sagt Alexandro, der ebenso wie sein Kollege in Wirklichkeit anders heißt und nicht mit ganzem Namen in der Zeitung stehen möchte. Auf den ersten Blick könnten sie von der Statur nicht unterschiedlicher sein. Alexandro ist gut 1,85 Meter groß, gertenschlank und wirkt durch seine aufrechte Haltung und die feinen Gesichtszüge anmutig. Norbert hingegen ist klein, pummelig und trägt schwarze, unfrisierte Locken.

In der Dresdener Altstadt gibt es rund um die Frauenkirche viele Straßenmusiker, da sich dort zu jeder Jahreszeit die Touristen tummeln und so die Chance, Geld zu verdienen, ziemlich groß ist. Dies ist auch der Grund, warum Alexandro und Norbert sich hier positioniert haben, allerdings müssen die beiden dabei auf die von der Stadt festgelegten Bedingungen achten. Alexandros haselnussbraune Augen mit den hellen Wimpern blicken leicht ungehalten, als er erzählt, dass sie alle halbe Stunde den Standort wechseln müssen, den gleichen nur zweimal täglich aufsuchen dürfen und dabei auch noch darauf achten müssen, dass der nächste Platz mindestens 200 Meter vom vorigen und 30 Meter von der Frauenkirche entfernt ist. "Teilweise ist das echt lästig, aber letztendlich ist die Musik wichtiger", fügt Norbert mit seiner tiefen, rauchigen Stimme noch hinzu.

Egal ob es regnet, stürmt oder schneit - die beiden spielen immer und lassen sich durch Kleinigkeiten wie das Wetter oder die Jahreszeiten nicht beeinflussen. "Wir sind ja nicht aus Zucker", sagt Norbert. "Und wenn es uns mal zu nass wird, dann stellen wir uns einfach unter einen Torbogen und spielen dort weiter." Vor drei Jahren trafen sich die beiden Arbeitslosen auf der Straße beim Musizieren, und seitdem spielen sie unter ihrem Motto "Together we are stronger" zusammen. Alexandro fand nach seiner Ausbildung einfach keine Arbeitsstelle, und Norbert brach mit 17 die Schule ab. So leben die beiden heute von Hartz IV.

Da sie aber nicht den ganzen Tag in ihrer Wohnung sitzen wollten, beschlossen sie, sich ein wenig zusätzliches Geld zu verdienen. "Wir wollten uns nicht nutzlos und faul vorkommen, sondern etwas unternehmen." Anfangs war es mühsam, denn sie hatten weder eine Musikausbildung noch Instrumente. Alexandro hatte zu allem Überfluss im Gegensatz zu Norbert nie ein Musikinstrument spielen gelernt. So musste er ohne Begleitung seine Stücke aus Opern wie der "Zauberflöte" oder "Hänsel und Gretel" vorsingen. Als er dann an einem Tag im Oktober 2008 Norbert auf seinem Keyboard spielen hörte, beschloss er, ihn spontan zu fragen, ob sie gemeinsam musizieren wollen. Warum er ausgerechnet Norbert gefragt hat, kann sich Alexandro nicht erklären. "Wahrscheinlich war es einfach Intuition." Norbert erklärt: "Ich hab sofort gespürt, dass die Chemie zwischen uns stimmt, und deshalb zugestimmt." Dabei legt er seine Hand auf Alexandros Schulter. Heute übernimmt Alexandro den Part des hingebungsvollen Opernsängers, und Norbert spielt, als wäre der Teufel hinter ihm her auf seinem elektrischen Piano.

Statt eines Hutes steht eine kleine geflochtene Schale bereit. "Ob Hut oder Kaffeebecher ist eigentlich auch egal - Hauptsache, das Geld bleibt drin liegen." Bei diesen Worten huscht ein verschmitztes Lächeln über Norberts rundliches Gesicht.

Die meisten Passanten bleiben zwar stehen, freuen sich über die Musik oder machen auch mal ein Foto, gehen aber am Ende einfach ohne Spende weiter. "Unterhalten werden, aber nichts dafür geben, solche Menschen haben wir gern", sagt Alexandro sarkastisch und streicht sich durch die hellblonden, kurzen, sorgfältig nach hinten gegelten Haare. Die beiden verdienen an einem durchschnittlichen Tag, an dem sie immerhin drei bis fünf Stunden spielen, gerade einmal zwischen 10 und 20 Euro. Davon alleine können sie natürlich nicht leben, allerdings bekommen die beiden ja auch noch Hartz IV. Das Thema Geld ist den Männern sichtlich unbehaglich. Norbert erzählt lieber von einem Passanten, der sich eines Tages neben Alexandro stellte und dessen Lied einfach mitsang, so dass es am Ende ein Kanon wurde.

Ein anderes Mal hatten die beiden eine eher weniger lustige Begegnung mit vier Jugendlichen. Sie stellten sich Alexandro und Norbert gegenüber auf und fingen an, die beiden zu beleidigen, nach dem Motto: "Eure Musik klingt wie Katzengejaule." Am Ende holte der eine seine Wasserflasche aus dem Rucksack und bespritzte die Musiker. "Es war der Horror", zischt Alexandro wütend, und sein ganzer Körper spannt sich bei dieser Erinnerung an. Anzeige erstatteten die beiden allerdings nicht, sondern versuchen einfach, den Vorfall zu vergessen und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Dieser Vorfall war jedoch eine absolute Ausnahme, denn ansonsten spenden die Zuhörer nach Ende eines Stückes höflichen Applaus und gehen dann weiter. Plötzlich strömt eine Schar Touristen auf die beiden zu, und sofort stürzen sich Alexandro und Norbert in Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" und vergessen den Rest der Welt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Freischütz für Touristen
Autor
Josefine Simm
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2011, Nr. 297, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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