Ab und zu vermisst Yumi Tokios Durcheinander

Typisch holländische Häuser, aus feinstem Porzellan gearbeitet, gesäumt von japanischen Daruma-Glücksbringern, stehen aufgereiht auf einem ebenhölzernen Tisch aus Taiwan. An der Wand hängt eine Buddha-Abbildung, die beinahe die gesamte Fläche beansprucht, beschützt durch einige Vertreter der chinesischen Terracotta-Armee. Dieser Kulturen-Cocktail setzt sich im gesamten Münchner Haus der Familie Ysewijn-Sekino fort und lässt sich selbst im Gesicht der 17-jährigen Tochter Jelke Yumi ablesen. Hier bilden Sommersprossen ein freches Muster um die schon eher japanischen, braunen Mandelaugen, umrahmt von einer dunkelbraunen Haarpracht, die um einige Nuancen heller ist als die schwarzen Haare der meisten Asiaten.

"Das war dann immer ein Hin und Her", berichtet Yumi, so lautet ihr Rufname, über ihre vielen, durch die Versetzung des Vaters bedingten Umzüge zwischen Deutschland, Japan und Taiwan, insgesamt sind es sieben an der Zahl. Dabei ist sie in Deutschland geboren und verbrachte hier die ersten zwei Lebensjahre. Allerdings sind ihre Eltern auch nicht immer in diesem Land ansässig gewesen, sondern trafen sich bei einem der ersten Aufenthalte hier. Ihr Vater ist ein aus Belgien stammender Wirtschaftsingenieur. Und ihre Mutter ist eine japanische Reiseführerin, die zuvor ein Germanistikstudium abgeschlossen hatte. "Ich bin erst mal in Japan eingeschult worden, im April und in den Sommerferien sind wir dann nach Deutschland gezogen, deswegen wurde ich dann hier noch einmal eingeschult", erzählt Yumi.

Nach der ersten Klasse besuchte sie wieder in Japan die Schule und kehrte erst im Sommer 2010 zur elften Klasse zurück. Dazwischen liegen drei weitere Schulwechsel, wobei das Schulsystem jedoch immer deutsch blieb, bis eben auf den ersten kurzen Abschnitt. "Das erste Mal, als ich eingeschult worden bin, war ich auf einer japanischen Schule, im Vergleich zu einer deutschen Schule wird viel mehr auf Disziplin geachtet", erklärt sie, "zum Beispiel gibt es einen Klassensprecher, der, wenn der Lehrer den Raum betritt, der Klasse befiehlt, aufzustehen und den Lehrer zu begrüßen. Das ist fast wie beim Militär."

Das Licht der Nachmittagssonne wird von den gelben Wänden zurückgeworfen und von dem großen Spiegel vervielfacht. So fällt es fächerartig auf die Kartons, die sich noch im Zimmer stapeln, obwohl der Umzug schon eine Weile her ist. Am Schrank hängt ein Dirndl, das die Familie vor kurzem gekauft hat.

Yumi hat sich ganz gut eingelebt und leicht Kontakt zu ihren Klassenkameraden gefunden. "Die waren eigentlich ganz offen", erklärt sie. "Und ich habe ja schon ein paar aus der ersten Klasse gekannt, das war dann einfacher." Auch beim Essen fiel ihr die Umgewöhnung leicht: "Die Umstellung war nicht schwer, ich meine, hier isst man nichts Außergewöhnliches, so wie man zum Beispiel in China Frösche isst. Ich glaube, wenn man japanisches Essen mag, kann man auch deutsche Speisen essen. Andersrum ist es vermutlich schwieriger, weil wir ja zum Beispiel rohen Fisch essen, was glaube ich nicht jeder mögen würde." Sie greift nach ihrer Teetasse, die mit einem Teebeutel mit japanischer Aufschrift gefüllt ist. Ebenso beschriftet sind die Tastatur ihres Computers und die zwischen deutschen Büchern hervorlugenden Mangas.

Auch wenn man es ihr bis auf kleinere Unsicherheiten gar nicht anmerkt, ist Deutsch nicht die Sprache, die sie als Erstes gelernt hat. Als Kind wurde sie zwar so von ihrem Vater angesprochen, da dies auch die Umgangssprache zwischen den Eltern war, antwortete jedoch auf Japanisch. Richtig mit der deutschen Sprache auseinandersetzen musste sie sich somit erst seit ihrer Schulzeit in Deutschland. "Ich konnte schon sagen, was ich wollte, aber vermutlich so, dass mich nicht jeder verstanden hat. Auch was ich gefühlt habe, konnte ich nicht zum Ausdruck bringen. Das ist mir echt schwergefallen. Was die Lehrer gesagt haben, das war kein Problem, aber wenn ich selber geredet habe, da hatte ich schon Bedenken, dass alles rübergekommen ist." Inzwischen ist das Formulieren nicht mehr das Problem.

Aber ein paar Unsicherheiten bleiben: "Wenn ich mit Freunden rede, habe ich eigentlich keine Angst, Fehler zu machen, aber manchmal weiß ich nicht, wie ich den Satz ausformulieren soll, dann sage ich einfach: Ihr wisst schon, was ich meine. Aber was ich vor allem hasse, das sind Präsentationen." Hier stockt ihre Stimme. "Ich weiß selbst, dass ich nicht so gut Deutsch kann und viele Fehler mache, deswegen will ich nicht vor meiner ganzen Klasse reden."

Ansonsten kann Yumi in den meisten Fächern gut mithalten, auch wenn sie Probleme mit solchen hat, in denen zu viele Fremdwörter vorausgesetzt werden oder in denen sie dem Stoff noch etwas hinterherhinkt. "Die Lehrer hier am Ernst-Mach-Gymnasium haben schon die Haltung, mich zu fördern und zu berücksichtigen, dass ich nicht deutsch bin und ein bisschen Schwierigkeiten habe. Aber ich habe das Gefühl, dass ich in der Klausur natürlich nicht lockerer bewertet werde, sondern gleich." Während des Gesprächs sitzt Yumi die meiste Zeit in ihrer Jeans mit übergeschlagenen Beinen und überspielt kleine Pausen mit einem Lachen, das selbst ihre Augen erfüllt.

Trotz der vielen neuen Bekanntschaften bleibt natürlich auch ihr Kontakt zu Japan bestehen: "Ich habe mich schon immer gefreut, in Deutschland zu sein, aber Tokio und München sind schon unterschiedlich. Hier in München ist alles so ordentlich, und es ist einfach angenehm, in der Stadt rumzulaufen. In Japan ist dieses Durcheinander, das habe ich ab und zu vermisst."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ab und zu vermisst Yumi Tokios Durcheinander
Autor
Annemarie Rencken
Schule
Ernst-Mach-Gymnasium , Haar
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2012, Nr. 3, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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