Aus Christina wurde Amina

Die drei jungen Deutschen sind zum Islam konvertiert und sprechen von einer Neugeburt. Freunde reagieren mit Skepsis und halten die Hinwendung für naiv. Gründe dafür gibt es.

Ash hadu ana la ilaha ilal lah wa ash hadu ana mohammadan rasul lalah. "Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt, und ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Gottes ist." Das Aussprechen des Glaubensbekenntnisses, arabisch Shahada, in der Moschee vor dem Imam und vor muslimischen Zeugen beansprucht nur wenige Minuten und bedeutet den Eintritt in die islamische Gemeinschaft als vollwertiges Mitglied. Während viele Menschen in den westlichen Ländern der Welt den Islam als Bedrohung empfinden, steigt in Deutschland die Zahl derjenigen, die sich dieser Religion zuwenden und konvertieren. Genaue Statistiken gibt es nicht, Schätzungen gehen von 4000 deutschen Konvertierten im Jahr aus.

Christina Albrecht, die 25-jährige Studentin der Tiermedizin aus Göttingen, trägt seit ihrem Glaubenswechsel den muslimischen Namen Amina und ist seit 2008 glücklich mit ihrem Ehemann Mohammed verheiratet, einem deutschen Informatikstudenten mit arabischen Wurzeln. Mitglied einer weltweiten Gemeinschaft zu sein spielte für Amina eine genauso große Rolle wie das Paradiesversprechen und der religiös geordnete Tagesablauf. Diese Sicherheit sei ihr wichtig gewesen, nicht aber, dass viele Menschen in ihrem Umfeld behaupteten, das Tragen des Kopftuches sei der Wille ihres Mannes. "Den Übertritt erlebe ich als eine Art Neugeburt", sagt Amina. "Ich erinnere mich, es war ein schönes Gefühl. Die Schwestern aus der Gemeinschaft beglückwünschten mich. Es waren wirkliche Freudentränen, die ich vergoss."

Längst nicht mehr führt der Weg zum Islam über eine Heirat. Nils Schuster, ein 31-jähriger Architekturstudent aus Leipzig, hatte Religion immer als "Opium für das Volk" empfunden. "Ich dachte, dafür gibt es sie und sie wird instrumentalisiert, um die Massen unter Kontrolle zu halten." Die Begegnung mit dem charismatischen Imam, den er auf seiner Jemen-Reise bei der Besichtigung einer Moschee kennnenlernte, verändert mit einem Schlag sein Leben. Er kommt mit immer neuen Fragen in die kleine islamische Schule des Imams, die sich in einer Wohnung neben der Moschee befindet, bis man ihn selbst dann fragt, ob er bloß das Wasser hier analysieren wolle oder auch davon trinken möchte. Noch während seiner Reise vollzieht er den Übertritt.

"Als ich am nächsten Tag beim Morgengebet mein Haupt zum ersten Mal auf den Boden gesenkt habe, wusste ich, dass das der Grund war, warum wir Menschen erschaffen worden sind." Nils bekommt den islamischen Namen Abdullah (Diener Gottes) und hat anfangs Bedenken, ob er es schaffe, täglich fünf Mal zu beten. "Doch nach dem ersten Gebet", so sagte er heute, "hatte ich das Bedürfnis, weitere fünf Mal zu beten." Heute kann er aus dem Arabischen frei übersetzen, den Koran rezitieren. Sein ehmals "planloses" Leben habe ein Ziel bekommen. Für ihn sei der Kern des Islams, sich der Macht Gottes zu ergeben. Diese Strenge und Ordnung seien die Hauptmotive vieler Konvertiten, ist er überzeugt.

Auch die 20-jährige Ostdeutsche Beatrice Klein, nun Soumaya, folgt den Geboten des Islams seit mehr als drei Jahren. Sie schätzt besonders die vielen Alltagsregeln. "Solche Hilfen und Anleitungen habe ich im Christentum vermisst", sagt die Schülerin des Leipziger Abendgymnasiums. In Internetforen liest sie nach, um auch alles mit ihrem Hidschab, der Kopfbedeckung, richtig zu machen. Mit ihrer muslimischen Kleidung und dem Kopftuch hat sich Soumaya zur Fremden gemacht. Beim Einkaufen beispielsweise schlägt ihr oft Staunen entgegen: "Ach, Sie können Deutsch?" Die Kritik mancher Professoren nimmt die angehende Tierärztin Amina in Kauf. Soumaya lässt sich von so etwas nicht beeinflussen. Sie bekomme im Koran Antworten auf Fragen, bei denen die Wissenschaft ihr keinen Halt mehr geboten hätte.

Bei allen drei Konvertiten reagieren Familie und Freunde verständnisvoll. In ihren Berufen jedoch haben sie alle schwer mit den Vorbehalten ihrer Mitmenschen zu kämpfen. Abdullah bekam allerdings weniger Probleme, weil man ihm den Glaubenswechsel nicht ansieht. Amina muss sich heute noch gegenüber einer Reihe von Vorurteilen rechtfertigen. Beispielsweise wird ihr vorgeworfen, ihr Mann habe sie gezwungen, ein Kopftuch zu tragen. Ihr Nachbar fragte sie, weshalb sie freiwillig auf die Frauenrechte in Mitteleuropa verzichte? Freunde brachen den Kontakt ab, und sie verlor ihren Nebenjob in einem Modegeschäft. Amina bekommt immer wieder Anrufe von Bekannten, die ihr vorwerfen, dass ihr Glaubenswechsel naiv war und dass sie ihn noch bereuen werde. Als das Gespräch auf den islamistischen Terrorismus kommt, wird es ruhig im Nebenraum der marokkanisch-muslimischen Gemeinde in Kassel. Der Islam sei nicht die Quelle des Terrorismus, sondern seine Lösung, meint Abdullah. Die Menschen redeten sich die Vorstellung vom "islamistischen Terrorismus" nur ein. "Gott verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht des Glaubens wegen bekämpfen und euch nicht aus euren Häusern vertrieben haben, gütig zu sein und redlich mit ihnen zu verfahren", zitiert er die Sure 60,8 aus dem Koran. Wenn Christen konvertieren, so stehen sie meist ganz offen dazu. Muslime aber, die Christen werden, verheimlichen meist ihren Übertritt. Der Grund hierfür liegt in der Scharia, dem islamischen Gesetz, das für Abtrünnige die Todesstrafe vorsieht.

Anders als Amina, Abdullah und Soumaya möchte deshalb meine Gesprächspartnerin, die sich vom Islam abgewendet hat, anonym bleiben. Anna (Name geändert) habe sich als in Deutschland geborene und aufgewachsene Muslima nicht wohlgefühlt. "Man ist ständig unter Beobachtung. Meinen Eltern war das Ehrverständnis von großer Bedeutung." Für die 20-jährige Türkin bedeutete dies, dass sie die Rechte und Freiheiten als junge Frau in Deutschland nicht genießen konnte. Da Annas Eltern der Bildungsweg ihrer Tochter von großer Bedeutung war, durfte sie 2001 ihr Jurastudium in Berlin beginnen. Sie setzte sich dabei immer mehr mit den Rechten und Freiheiten von Frauen auseinander. Der Islam spräche auch von Freiheit, Gleichberechtigung und Frieden, doch davon habe Anna in ihrem früheren Leben als Muslimin wenig wahrgenommen. "Die Frauenhäuser in Berlin oder Köln sind rappelvoll. Zu 90 Prozent leben dort Muslime, die vor der Unterdrückung ihrer Familien flüchten." Auch die Jurastudentin mit türkischen Wurzeln wird von Albträumen verfolgt, in denen ihr Vater sie aufgrund dieser Entscheidung tötet. Es bedrückt sie sehr, dass sie ihren wahren Glauben nicht offen vor ihrer Familie ausleben kann, doch der Glaube an Jesus gebe ihr die Kraft, das heimliche Doppelleben zu bewältigen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Aus Christina wurde Amina
Autor
Yasmine Bahmad
Schule
Herderschule , Kassel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2012, Nr. 9, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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