So fürsorglich wie möglich, so gesichert wie nötig

Licht durchflutet den langen Gang, dessen Boden marmorfarbene Fliesen bedecken. Die weißen Wände schmücken schlichte, abstrakte Bilder. Rechts reihen sich große Fensterflächen aneinander, auf der linken Seite durchbrechen Trennwände das Mauerwerk. Hinter ihnen erkennt man eine Cafeteria. Ein paar Schritte weiter liegt der Eingang einer kleinen Kapelle. Der Gang endet jäh vor einer schweren, doppelflügeligen Tür. Sie ist verschlossen, lässt sich nur durch das elektronische Signal eines Plastikschlüssels öffnen. Es summt und surrt, die Flügel öffnen sich. Einmal hindurchgekommen gibt es kein Zurück mehr - der Schließmechanismus wirkt von beiden Seiten.

Die Tür ist das Tor zu einer anderen Welt: Hinter ihr liegen die neun Wohneinheiten der Maison de Séjour et de Soins "Beim Goldknapp", des Wohnund Pflegeheims der Association Luxembourg Alzheimer, kurz Ala. Diese erste Einrichtung ihrer Art wurde 2007 in Erpeldingen, einem luxemburgischen Dorf, gebaut. Eingebettet in die Wiesen und Felder der bäuerlichen Landschaft, verrät der moderne Bau nach außen nichts von seinem Inneren. Hier leben 120 Menschen, die an Demenz leiden.

"Die Bewohner können sich im gesamten Haus frei bewegen, jede andere Wohneinheit besuchen und sich dort auch für längere Zeit aufhalten", sagt Rita Fuxen, die seit zehn Jahren als Altenpflegerin arbeitet. Den Patienten soll ein fürsorgliches und selbstwertförderndes Umfeld geboten werden, das ihren Bedürfnissen angepasst ist, wirbt die Einrichtung. Sie sollen sich wohl fühlen. "Diese Freiheit, die wir ihnen geben, endet zu ihrem persönlichen Schutz an der verschlossenen Tür, zu der nur das Pflegepersonal einen Schlüssel besitzt", erklärt die 44 Jahre alte Deutsche, die ein blaues Polohemd mit dem Emblem der Alzheimer Stiftung trägt, dazu Jeans und Schlappen. Ihr laufen kleine Schweißperlen die Stirn herunter, während sie einem Bewohner der Wohneinheit "A Lannen", "Unter den Linden", beim Frühstück hilft. Sie schmiert ihm Brote, rührt Milch in seinen Kaffee und unterstützt ihn anschließend beim Essen. Jede Wohneinheit bietet Platz für zwölf Bewohner. Den Mittelpunkt bildet eine große Wohnküche, in der gemeinsam gekocht und gegessen wird. Die Bewohner können, wenn sie wollen und entsprechend ihren Fähigkeiten, in die Küchenaktivitäten mit eingebunden werden und zum Beispiel Gemüse waschen oder Kartoffeln schälen. Im Aufenthaltsraum stehen moderne, funktionale Möbel neben schweren, reich verzierten Holzschränken und mit blumigem Samt bezogenen Rokoko-Sesseln. Die alten Sammlerstücke sind Spenden der Angehörigen oder stammen aus dem Besitz der Bewohner. Seine eigenen vier Wände kann jeder mit persönlichen Gegenständen einrichten, wie es ihm gefällt. An jeder Tür hängt ein Foto, darunter der Name des Bewohners. An einer Tür klebt groß die Ziffer sieben, an einer anderen kleben sorgfältig aus einer Zeitschrift ausgeschnittene Autos. "Es ist wichtig, den Bewohnern Anhaltspunkte und Symbole zu geben, damit sie sich besser orientieren können", erklärt Rita Fuxen.

Ab einem gewissen Krankheitsgrad finden sich die Betroffenen zunächst in fremder, dann auch in vertrauter Umgebung nicht mehr zurecht. Häufigste Ursache einer Demenz ist die Alzheimer-Krankheit. Diese Gehirnerkrankung verursacht die langsame, aber ständig fortschreitende Zerstörung von Nervenzellen und ihren Kontakten im Gehirn. Die Krankheit verläuft von Patient zu Patient unterschiedlich. Medikamente können die Entwicklung bislang nur verlangsamen. Zu den Symptomen zählen Beeinträchtigungen des Kurz- und Langzeitgedächtnisses, des abstrakten Denkens, des Urteilsvermögens und zu einem späteren Zeitpunkt auch die Beeinträchtigungen der Sprache. "Für Angehörige ist es oft schwierig, die Krankheit zu akzeptieren, weil sie mit den Verhaltensänderungen der Person nur schwer umgehen können. Sich wiederholende Fragen werden dann als nervig empfunden, genauso wie viele die Stimmungsschwankungen persönlich nehmen", berichtet Rita Fuxen.

So ist es das Hauptziel der Ala, den Bewohnern ein größtmögliches psychisches und physisches Wohlbefinden zu ermöglichen. "Wir versuchen in den Wohneinheiten einen geregelten Tagesrhythmus in familiärer Atmosphäre einzuhalten. Hierzu zählen die Mahlzeiten, aber auch andere gemeinsame Aktivitäten, wie zum Beispiel Singen, Gesellschaftsspiele spielen, Spaziergänge oder sogar Ausflüge in die Umgebung." Auch Gedächtnistraining und Turnen stehen auf dem Programm, das auf jeden Bewohner individuell abgestimmt ist. Dadurch kann der Krankheitsverlauf zumindest verlangsamt werden.

Nach dem Frühstück heißt es oft: "Gi mir e bëssen op Terrass Sport mâchen?" Ob Luxemburgisch, Deutsch oder Französisch - die Bewohner und das Personal der Einrichtung sind ebenso multikulturell wie das kleine Luxemburg selbst.

Beim Mittagessen hält eine Bewohnerin ihr Glas in ihrer zitternden Hand. Sie sitzt nach vorne gebeugt. Langsam kippt sie den Multivitaminsaft in einen leeren Suppenteller und fängt an die Flüssigkeit zu löffeln. Die Hälfte des Saftes läuft über den Tisch. Ohne eine Bemerkung steht eine Pflegerin auf, reinigt Tisch und Boden und reicht der Patientin ein neu gefülltes Glas. "Kleine Missgeschicke gehören zum Alltag dazu. Herumschreien oder jemanden zurechtweisen würden wir nie", sagt Rita Fuxen. Sie und ihre Kollegen versuchen während ihrer Arbeit gute Laune zu verbreiten - ein Lächeln auf den Lippen, fröhliche Musik, die den ganzen Tag im Hintergrund läuft. Auf einem Spiegel an der Wand steht in bunten Lettern "Lach mal wieder!". Und gelacht wird wirklich viel - aber nicht über, sondern mit den Bewohnern.

Zurzeit gibt es in Deutschland ungefähr 1,2 Millionen Demenzkranke. Mit dem Alter steigt das Risiko einer Erkrankung. Experten rechnen für das Jahr 2030 mit 2,5 Millionen Betroffenen. Keiner hat Einfluss darauf, ob er die Krankheit bekommt oder nicht. In Zukunft werden noch viel mehr Wohnund Pflegeheime benötigt werden. Die schwere Holztür des Heims fällt mit einem surrenden Klicken ins Schloss und entlässt den Besucher in die freie Welt seines Alltags. Wieder inmitten des lichtdurchfluteten Ganges angekommen, fragt man sich dennoch, ob man nicht selbst irgendwann die Welt hinter diesem Tor auf Dauer kennenlernen wird. Und wie der Kranke diese Welt wirklich sieht, das fragt man sich auch.

Informationen zum Beitrag

Titel
So fürsorglich wie möglich, so gesichert wie nötig
Autor
Anne Diesteldorf.
Schule
Freiherr-vom-Stein-Gymnasium , Rösrath
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.2012, Nr. 33, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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