Zwischen Klassen und Kämpfen

Der Mann hinter dem mit staubigen Akten beladenen Schreibtisch ist ein sportlicher, südländischer Typ mittleren Alters mit gebräunter Haut, dunklen Augen und kurzem, schwarzem Haar unter einer Baseballkappe. "Jesus Rios, Associate Principal, Independence High School, San Jose" steht auf seiner Visitenkarte. In den Händen dieses Mannes, der an einen Bodyguard erinnert, liegt die Sicherheit der 4700 Schülerinnen und Schüler der kalifornischen High School. Er ist der Vizedirektor und kümmert sich vor allem darum, dass Regeln und Vorschriften eingehalten werden. Was sich nach einer Menge Büroarbeit anhören mag, ist in der Realität ein Beruf, der Rios psychisch und physisch fordert. Zu seinen Aufgaben gehört nicht nur das Verhindern von Bandenkriegen, sondern auch die Beschlagnahmung von Waffen und Drogen sowie die Suche nach vermissten Schülern. Rios zeigt auf ein Flugblatt, das ein 17-jähriges Mädchen zeigt, das fröhlich in die Kamera lächelt. "Look at this girl. She just ran away from home and nobody knows where she is or what happened to her." Eine große Hilfe bei seiner Arbeit seien die öffentlichen Chaträume, in denen sich die Jugendlichen über aktuelle Ereignisse austauschen. So erhalte er einen Einblick in das Leben der Schüler außerhalb der Schule, und er erhalte früh Informationen über Konflikte zwischen Schülergruppen oder Banden. Doch Streitigkeiten seien nicht der schwierigste Teil seines Berufes. "There are some students that think of suicide", sagt er ernst und spricht von einem 17-Jährigen, der hier Schüler war. Als er beschloss, diese nicht länger besuchen zu wollen, geriet er in einen Konflikt mit seiner Mutter, die ihn schließlich zwang, doch zur Schule zu gehen. Dies habe er am folgenden Morgen getan - bewaffnet mit einem Messer. Als Jesus Rios an diesem Morgen in sein Büro kam, habe der Junge vor seinem Schreibtisch gestanden, das Messer in der Hand haltend, und ihm gedroht, diese Waffe zu benutzen. Der Vizedirektor hält inne und deutet an die Wand. "I remember it. He was standing right there. The situation was serious." Nichts an der Stelle, auf die er zeigt, lässt erkennen, dass sich hier ein Schüler einst beinahe das Leben genommen hätte. Im Gegenteil: An den Wänden hängt ein Plakat mit Fotos von Jugendlichen auf einem Abschlussball, lachende Gesichter sind zu sehen. Es sei ihm schließlich gelungen, den Jungen zu überwältigen und ihm die Waffe abzunehmen. Am selben Tag sei der Schüler von der Schule suspendiert und anschließend in eine Psychiatrie eingewiesen worden. Natürlich sei so etwas nicht einfach, fügt er hinzu, doch schließlich habe er es sich zu seiner Aufgabe gemacht, für Sicherheit zu sorgen. Zahlreiche Vorschriften sollen ihm bei seiner Arbeit helfen. So ist es Schülern untersagt, sich während ihrer Freizeit auf dem Campus aufzuhalten oder Kleidung zu tragen, auf der ein Name einer Gang zu sehen ist. Auf den Toiletten gibt es keine Spiegel, denn diese könnten zertrümmert und die Scherben als Waffe benutzt werden. Das Schulgelände kontrolliert Jesus Rios mehrmals täglich in einem kleinen Fahrzeug, das an ein Golfauto erinnert. Doch zum Glück sei es in der letzten Zeit an der Schule ruhig gewesen, berichtet er. "And when there is a problem or a fight, I calm down with an iron fist, but with a gentle heart. That is my philosophy."

Informationen zum Beitrag

Titel
Zwischen Klassen und Kämpfen
Autor
Isabel Hermeier Friedrichs-Gymnasium, Herford
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2010, Nr. 148 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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