Mit 15 macht sie Abitur

Karen und Katharina sind hochbegabt und haben Klassen übersprungen. Sie sehen das sachlich. Karen, bist du tot? Sei mal toter", tönt es belustigt, aber bestimmt aus der Ecke der Mitschülerinnen hin zur Studiobühne der Marienschule Münster. Die Mädchen der Klasse 9d proben mit ihrer Klassenlehrerin Barbara Lange Szenen zu Schillers "Räubern". Friedrich Schiller schrieb sein Drama "Die Räuber" mit 17 Jahren. Die 12 Jahre alte Karen Lendermann hat auf der Bühne gerade den Heldentod erlitten. Sie fällt unter ihren 15 Jahre alten Mitschülerinnen mit ihren 153 Zentimetern als Kleinste auf. Sie grinst und wälzt sich halbherzig auf die Seite, um möglichst tot auszusehen, was Gelächter auslöst. "Ich bin ein cooler Räuber, denn ich werde hinterher bekehrt und bin nicht so eine Metzeltante", sagt sie. In ihrer Jeans hüpft sie fröhlich auf ihren Platz zurück. Um ihren Hals baumelt eine Kette mit einem silbernen Pferdeanhänger. Auf ihrem Stuhl macht sie es sich zwischen ihren Mitschülerinnen bequem, verschafft sich freundlich, aber entschieden Platz, um die Beine auszustrecken. "Mit vier hat sie sich das Lesen selbst beigebracht, und auch nach der verfrühten Einschulung langweilte Karen sich in der ersten Klasse, so dass sie diese übersprang. Als sie sich auch nach einem Schuljahr in der zweiten Klasse stark unterfordert fühlte, sprang sie im Laufe der dritten Klasse in die vierte", fasst die Diplomrechtspflegerin Astrid Lendermann die Schullaufbahn ihrer hochbegabten Tochter zusammen. Mit sieben Jahren kam Karen aufs Gymnasium, mit 15 Jahren wird sie ihr Abi machen. Gerne würde sie in Münster studieren, die Universität sei gut, sie könne zu Hause wohnen. "Karens Hochbegabung ist für uns nichts Besonderes mehr, sie war ja schon immer so", stellt die Mutter des Einzelkindes sachlich fest. Karen hat gelernt, sich immer wieder auf andere Mitschüler einzustellen. Andere Kinder erleben die Grundschulzeit in einem Klassenverband mit etwa 20 anderen Kindern. Karen war während ihres kurzen Aufenthalts dort mit 60 unterschiedlichen Mitschülern zusammen, was das zierliche Mädchen mit den dunkelblonden halblangen Haaren selbst mit "Ich bin da aber relativ gut mit klargekommen" kommentiert. In ihrer Freizeit spielt sie Tischtennis und Klavier, auch das Musizieren fällt ihr leicht. Etwa 15 Prozent der Bevölkerung weisen mit einem IQ über 115 eine überdurchschnittliche Intelligenz auf. Ab einem IQ von 130 gilt man als hochbegabt. Bei 2,5 Prozent der Bevölkerung trifft dies zu, sagt das Internationale Centrum für Begabungsforschung. "Am ersten Tag auf der Marienschule habe ich gedacht, Karen sei die kleine Schwester von meinen neuen Mitschülerinnen", sagt Franziska Lenkeit aus der 9d, "ich wunderte mich schon, dass sie mit uns, den neuen Sextanerinnen, ins Klassenzimmer ging. Heute denke ich nur ganz selten daran, dass Karen viel jünger ist als wir anderen." Der selbstverständliche Umgang der Mädchen miteinander überraschte auch die erfahrene Klassenlehrerin. Während die Deutschlehrerin noch die Aufgabe diktiert, schreibt Karen schon die Lösung ins Heft, und zwar richtig. "Karen ist immer so schnell", erklärt Mitschülerin Maria Runte unbeeindruckt. Mit dem Ruf, ein Streber zu sein, hat Karen nicht zu kämpfen. Kritiker bemängeln, dass beim Überspringen mehrerer Klassen die emotionale und soziale Reife des Kindes vernachlässigt werde. "Mir ist es egal, ob ich mein Abitur mit 15 oder mit 18 mache. Ich denke gar nicht mehr daran, dass meine Freunde drei Jahre älter sind als ich, das vergesse ich einfach", sagt Karen und fügt ironisch hinzu: "Nur im Sportunterricht macht sich der Altersunterschied bemerkbar. Die anderen können zum Beispiel über Kästen, über die ich gerade mal so drübergucken kann, locker eine Hockwende machen." Auch Karens Eltern stehen zu ihrer Entscheidung. "Karen war immer sehr pflegeleicht. Sie ist umgänglich und friedlich und war bis jetzt immer sehr gut integriert." Die begabte Katharina Schellhove erzählt auch von negativen Erfahrungen. Die 16-jährige Gymnasiastin aus Hamm mit dem fransigen Kurzhaarschnitt entdeckte in der 9. Klasse ihre Vorliebe für Latein und erarbeitete selbständig Dutzende Lektionen im Voraus. Sie übersprang die 10. Klasse und erreichte in der ersten Lateinklausur in der Stufe 11 eine eins. Den Unterrichtsstoff dazu hatte sie sich selbst innerhalb von zwei Tagen beigebracht. "In meiner alten Stufe wurde ich als Streberin abgestempelt. Keiner konnte nachvollziehen, dass Latein mein Hobby ist und mir Spaß macht. Deswegen habe ich das Überspringen einer Klasse als Chance empfunden. Auch bei den Lehrern hatte ich einen gewissen Ruf als ,die Hochbegabte', die sowieso alles kann, weg. Dabei bin ich in Physik eher durchschnittlich. In der neuen Stufe ist es besser. Da es aufs Zentralabitur zugeht, sind alle eher froh, jemanden zu haben, den sie bei Problemen in Latein fragen können", sagt Katharina. Selbstsicher stellt sie fest: "Den Altersunterschied von eineinhalb Jahren merke ich kaum. Nur in manchen Dingen sind die Mädchen aus meiner Stufe vielleicht weiter. Sie sprechen zum Beispiel über ihren Freund, da kann ich dann nicht wirklich mitreden." Neun Nachhilfeschüler unterrichtet Katharina an vier Tagen in der Woche in Latein. An den restlichen drei Tagen besucht sie die Uni in Münster und lernt Altgriechisch für ihr Graecum. "Ich hatte schon etwas Angst, dass ich mir zu viel vornehme und mein Notendurchschnitt darunter leidet, aber letztendlich ist er mit 1,5 doch ganz okay." In ihrer jetzigen Stufe fühlt sie sich integriert, bezweifelt jedoch, dass ihre Schulfreundschaften ein Leben lang halten werden. "Einige meiner Freunde beschweren sich, dass ich keine Zeit für sie habe. Aber mir geht mein Hobby über alles. Und da wird ja auch die Wertschätzung einer Person sichtbar", schließt Katharina nüchtern. "Auf jeden Fall" werden einige ihrer Schulfreundschaften lebenslänglich sein, meint dagegen Karen zuversichtlich, die sich in der Pause zwischen ihren Mitschülerinnen Lina Bantawa Rai und Katharina Rimke über ein Heft beugt. "Im Unterricht ist Karen wie wir", sagt Lina. "Nur in den Pausen", fügt Katharina mit einem Seitenblick auf Karen hinzu "ist es so, dass du ein bisschen nervst. Manchmal bist du halt ein bisschen kindisch." Die drei schauen sich an. Lina lacht: "Aber wir lieben dich trotzdem."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit 15 macht sie Abitur
Autor
Carolin Stuft, Marienschule, Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2010, Nr. 148 / Seite N6
Projekt
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